Das Spinnen des Flachses
Wenn im Spätherbst oder im Frühwinter die Feldarbeit beendet war, die Frucht gedroschen und Feld und Hof wieder in Ordnung waren, zog man sich in die Spinn- oder Kunkelstube zurück, um die riesigen Mengen an Flachs zu Garn zu verarbeiten. In den Ortschaften wurden reihum mehrere Höfe dazu bestimmt, oder es wurde, wenn vorhanden, in dem Saal einer Gastwirtschaft eine Kunkelstube eingerichtet. Diese Kunkelstuben hatten den Vorteil, dass man eben nur eine große Stube beheizen und auch beleuchten musste. Außerdem war man bei der Spinnarbeit in geselliger Runde, konnte sich unterhalten; es wurde musiziert und allerlei Unfug gemacht.
In diesen Spinnstuben trafen sich die Freunde und Nachbarn, um in den langen Wintermonaten den vorbereiteten Flachs zu Garn zu verspinnen. Die Spinnräder wurden wieder gerichtet, neue Antriebsschnüre aufgelegt und die Fingernäpfe zum Anfeuchten der Finger bereit gestellt. Zur Vorbereitung gehörte auch das Anwärmen des Flachses und das Anlegen auf der Kunkel.

Zum Spinnen selbst wurden verschiedene Geräte benützt. Über Jahrhunderte hinweg wurde bis in das 18. Jahrhundert hinein mit der Fallspindel gesponnen. Noch heute werden diese Geräte auf dem Balkan und in Griechenland benützt. Oft sieht man noch heute Hirten beim Begleiten der Schafherden nebenher mit der Fallspindel arbeiten. Die Spindel besteht aus einem Holzstab und dem Spinnkreisel (Spinnwirtel).
Der Spinnkreisel besteht aus einer etwa 5 bis 10 Zentimeter dicken linsenförmigen Scheibe. Diese Scheibe ist meist aus Ton oder aus Bein gefertigt, um eine gewisse Masse zu erreichen. Dies ist notwendig, wenn die Spindel in Drehung versetzt wird, sodass diese noch lange nachlaufen kann. Eine Verbesserung der Fallspindel gegenüber war dann das Handspinnrad. Dieses wurde von Hand mit einer Kurbel angetrieben und übernahm das Auseinanderziehen der Fasern, das Drehen zu Garn und das Aufwickeln auf eine Spule in einem Arbeitsgang.

Im Jahre 1530 erfand Johann Jürgen in Wattenbüttel bei Braunschweig das Trittspinnrad. Dieses gab es wiederum in mehreren Ausführungen. Im Allgäu wurden hauptsächlich zwei Arten von Spinnrädern benutzt.
Das erste war das sogenannte Hoch- oder Flügelspinnrad mit extra beigestelltem Spinnrocken. In vielen Ausführungen, vom groben Arbeitsgerät bis zum feinen Ausstattungsstück wurde es meist von den Frauen zu Herstellung von feinem Garn benutzt. Es konnte bemalt sein und mit Perlmutt oder Elfenbeieinlagen verziert sein. In das Schwungrad wurde noch oft ein Blei- oder Zinnring mit eingelegt, um ein gleichmäßiges Drehen zu erreichen. Als Sonderform sei hier noch das sogenannte "Liebesrad" erwähnt, welches einen Antrieb aber zwei Spinnflügel besaß, so dass zwei Personen einander gegenübersitzend gleichzeitig spinnen konnten.

Die zweite gebräuchliche Ausführung war das Wergrad. Es diente in der Hauptsache zum Verspinnen der kurzen Fasern, des Wergs, aus denen man später die groben Stoffe gewoben hatte.
Dieses Wergrädle wurde oft von Männern oder Kindern bedient; die Kinder lernten darauf das Spinnen. Die Werggabel wurde auf das Wergrad oder in die Ofenbank in extra dafür vorgesehene Löcher gesteckt. Es war ein etwa 50 bis 60 cm langer Holzstab, an dessen oberem Ende sich eine 4 oder 5 zinkige Gabel befand. In diese Gabel wurden nun die auseinandergerupften "Wergbollen" hineingelegt. Diese Werggabeln waren oft Verehrungsgeschenke der Burschen an das geliebte Mädchen. Diese "Liebesgaben" wurden von den Burschen meist selbst angefertigt, schön bemalt oder mit Kerbschnitzerei verziert. Nahm ein Mädchen so eine Werggabel als Geschenk an und zeigte sie auch in der Öffentlichkeit, so sagte man,
"die hot oin aufgabelt".
Die Spinnräder wurden meist beim Drechsler oder bei einem Spinnradbauer angefertigt. Jedes Mädchen hatte ein solches in ihrer Aussteuer.

War nun die Zeit zum "Rockengange" gekommen, packten die Leute ihr Spinnrad und einen Vorrat an Flachs und machten sich auf den Weg zur Kunkelstube. Oft mussten im strengen Winter die Mannsbilder den Frauenspersonen erst einen Weg durch den hohen Schnee bahnen. Am Spinnhaus angekommen gab es meistens ein großes Hallo. Oft spielte man schon bei Eintreffen mit einem Musikinstrument im Hausgang auf. Man begab sich in die große, gut beheizte Stube und belegte da seinen Platz. Es gab hier eine bestimmte Rangordnung: Am Ofen saß der Hausvater, er hatte den Abend über für Heizung und auch Licht zu sorgen. Oft bestand die ganze Beleuchtung nur aus einem rauchenden Kienspan, aber es reichte für das Spinnen aus. Die Hausfrau überwachte die Sitzordnung, Mädchen und Burschen saßen meist getrennt. Nun wurden die mitgebrachten Flachsvorräte ausgepackt und auf die Werggabel oder die Kunkel aufgelegt. Der Flachs wurde zum Anlegen auf die Kunkel ganz breit auf dem Tisch ausgebreitet, schön geordnet und dann mit dem Kunkelstab auf diesen vorsichtig aufgewickelt. Um die Flachsfasern an der Kunkel zu halten, umwickelte man diese kreuzförmig mit einem breiten Band. Anschließend füllte man noch die Fingernäpfchen mit Wasser, Das war zum ständigen Anfeuchten der Finger beim Spinnen notwendig. Nach all diesen Vorbereitungen schnurrten bald die Rädchen und ein munteres Erzählen fing an. Das Spinnen ist eine anstrengende, hohe Konzentration erfordernde, gleichzeitig aber auch eintönige Arbeit. Um für Unterhaltung zu sorgen, begann man Geschichten zu erzählen und Leute "durchzuhecheln". Man "hechelte" so die ganze Ortschaft durch und erzählte von Neuigkeiten draußen im Land. Manchmal kam es vor, dass ein Handwerker auf Stör auf dem Hof anwesend war. Dieser musste nun wie eine sprechende Zeitung alle Neuigkeiten der Gegend zum Besten geben. Auch Märchen, Gespenstergeschichten und Sagen, an denen unser Allgäu so reich ist, wurden erzählt. Solche Kurzweil wurde gerne angenommen, denn das Spinnen ist wie gesagt eine langweilige, monotone Arbe it. Im Ofen schmorten manchmal ein paar Bratäpfel, die als Delikatesse von Allen gerne verzehrt wurden. Im Laufe des Abends spielte vielleicht einer der Burschen mit einem Musikinstrument auf. Oft blieben dann die Rädchen stehen, ein Tänzchen wurde angefangen. Es wurden auch kleine Spiele veranstaltet, bei denen oft die ganze Spinnstube außer Rand und Band geriet. Vielerlei Unfug wurde angestellt und die Hausleute hatten es oft schwer, auf Zucht und Sitte zu achten. Gerade diese Ausgelassenheit veranlasste die Obrigkeit, immer wieder gegen diesen Brauch einzuschreiten. Spinnstubenordnungen wurden erlassen, ja die "Kunkelstube" sogar ganz verboten. Doch die Bevölkerung hielt am Althergekommenen fest und so lang bei uns im Allgäu auf dem Land gesponnen wurde, gehörten Spaß und Geselligkeit auch mit dazu. Man versuchte die Auswüchse zu unterdrücken, in dem man Kunkelhäuser für junge, ledige Mädchen, ein weiteres für die Verheirateten und ein weiteres für die "abgestandenen" Mädchen (die das Heiratsalter bereits überschritten hatten und keine Aussichten auf einen Mann mehr hatten) einrichtete. Gerade aber bei diesen ging es am lustigsten und fidelsten zu.
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Eine Spinnstubenordnung aus dem 17. Jahrhundert aus unserer Gegend sagt,
"...dass Burschen beiderlei Geschlechts nicht in einem Spinnhaus zusammen spinnen dürfen". In den Dörfern galt oft der Spruch:
"Im Sommer muas mas Wetter firchta und em Winter des Kunkelhaus".
Die Hausfrau, so verlangte es der Brauch, musste etwa nach 2 bis 3 Stunden spinnen für ein Vesper sorgen. Diese bestand meist aus einer Schüssel Kaffee und einem Gugelhopf mit "Beerla", das sind Rosinen. Mancherorts wurde auch ein Hafen (Topf) voll "Krombiera" (Kartoffeln) mit Milch angeboten. Zuweilen wurde aber auch Bier, Schnaps oder warmer Most aufgetischt. Für die Bewirtung erhielten die Hausleute am Schluss ein kleines Entgeld. Die Spinnstube wurde in der Regel bis etwa 23 bis 24 Uhr offen gehalten, manchmal aber auch noch viel länger. Ledige Burschen zogen oft von Spinnstube zu Spinnstube und trieben manchen Schabernack mit den "Föhla"(Mädchen). Jede Unterbrechung wurde gerne angenommen, Neckverse gesungen oder das hurtig drehende Rädchen in seinem Lauf angehalten.
Einige solche Necksprüche lauteten:
"Kapuziner hie, Kapuziner her
Koi solle Spinnere geits nienad meh...."
oder:
"Treib um, treib um,
Dei Rad will it gau -
Du bist a kuize Spinnere
Drum will di koiner hau."
Oft wurden auch von den Burschen das "Angelschütteln" versucht. Dabei näherte er sich ganz unauffällig der Spinnerin und versuchte die kurzen Fasern, die Angeln, von ihrer Schürze zu schütteln und dabei folgenden Spruch aufzusagen:
"I thät gern die Jungfrau bitte
und thät ihr gern die Angla schüttle
von ihrem blauen Schoße,
die kloine und die große.
Ei, Jungfer, sei doch it so stolz
Die Gunkel ist ja nur vu Holz;
Wenn sie wär mit Silber b'schlagge
Dann wett i Dir was anderes sage.