Das Jahr im Zeichen des Flachses

Flachsbearbeitung - Rösten des Flachses
Das beim Riffeln anfallende Stroh (Nuscheln) wurde dann auf einem Hackklotz mit dem Flachsbleul, das ist ein dreikantiger, aus Hartholz gefertigter Prügel, von den anhaftenden Wurzeln befreit. Anschließend wurde das Stroh mit dem Wagen auf eine nasse Wiese (Tauröste) oder direkt in ein Gewässer gebracht und dort ausgelegt. Damit der Wind es nicht fortträgt, wurde es in den Boden eingetreten oder im Wasser mit Steinen beschwert. Die Nässe bewirkte nun einen Gärungsprozess, wobei die äußere, holzige Hülle (Bast) aufquoll und sich von der eigentlichen Faser im Inneren ablöste. Die Wiesen, auf denen das Flachsstroh lag und verrottete, verbreiteten einen bestialischen Gestank. Nach etwa 2 bis 3 Wochen war dieser Vorgang so weit gediehen, dass sich der Bast außen ablöste. Mit einem "Böckelrechen" wurde das Stroh zusammen gerecht und mit einem sichelförmigen Rundeisen mit Holzgriff wieder aufgesammelt und zu handlichen Büscheln gebunden. Anschließend wurde es zur Flachsdörre gebracht.

Die Flachsdörre oder Darre war meist im gemeinschaftlichen Besitz. Oft war es nur eine Grube mit den Maßen 4 auf 4 Meter, in der dann ein Holzfeuer brannte und über dem sich ein Lattengerüst befand. Wenn eine genügend große Hitze erreicht war, versuchte man die Flammen so niedrig wie nur möglich zu halten. Man legte nun das Flachsstroh auf den Rost und wendete es laufend, bis es ganz trocken war. Man ließ das Feuer Tag und Nacht ununterbrochen brennen, solange bis der Flachsvorrat getrocknet war. Griffbereit stand neben der Flachsröste immer eine "Schapfe" voll Wasser bereit, um, falls die Flammen das Stroh in Brand setzen sollten, sofort löschen zu können. Auch dem "inneren Brand" der an der Darre arbeitenden Besatzung musste man immer wieder Rechnung tragen. Öfters wurde eine Flasche mit Obstwasser herumgereicht.

Das Flachstroh wurde nun, da es trocken war, meist noch im warmen Zustand, in dem neben der Darre gelegenen Brechhaus oder in der eigenen Tenne gebrochen. Durch das Brechen wurden die hölzernen Außenbestandteile des Halmes in Stücke geschlagen, die später auf dem Schwingstock abgestreift wurden. Das Brechen geschah auf der Breche oder dem Brechstuhl. Früher wurde zum Brechen auch der schon vorhin erwähnte Bleul verwendet. Aus diesem Bleul wurde dann der Brechstuhl entwickelt.

Man konnte mit ihm mit 2 bis 3 fachem Nutzen arbeiten. Er bestand aus dem Unterteil, dies wiederum aus 3 bis 4 Füßen, der Sitzfläche und aus 2 bis 3 etwa 80 Zentimeter langen, messerförmigen Holzstücken. Das Oberteil, das im Unterteil drehbar gelagert war und wie eine Schere in dieses hineinpasste, hatte vorne einen Handgriff mit einem Holzklotz, der durch sein Eigengewicht den Brechvorgang erleichterte. Büschel für Büschel wurde nun zentimeterweise durch die Breche gezogen und der hölzerne Mantel des Flachsstrohs in kleine Stücke zerbrochen. Diese schwere Arbeit wurde neben dem Dörren des Flachses gemacht. Meist waren mehrere Brechen aufgestellt, deren lautes Geklopfe durch die Gegend hallte. Nach dem Dörren und Brechen wurde die Brechhütte gesäubert, ein letztes Büschele Flachs wurde in das Feuer geworfen, sozusagen als Brandopfer für eine gute Ernte,und zugleich als Fürbitte für das nächste Jahr. Der beim Brechen angefallene Abfall, die sogenannten "Ehschwingen", wurden in einem Sack gesammelt. Sie dienten als Bindemittel bei Maurerarbeiten, besonders beim Verstreichen von Öfen mit Lehm wurden sie gerne mitverwendet. Der gebrochene Flachs wurde in große Säcke gepackt und zur weiteren Verarbeitung in der Tenne aufbewahrt. Die weiteren Arbeitsgänge wurden nun auf jeden Fall auf dem eigenen Hof ausgeführt.

In der Tenne des Hofes wurde alles entbehrliche Gerät entfernt, der große Leiterwagen ins Freie geschoben und die Schwingstöcke und Hechelböcke aufgestellt. Der Schwingstock bestand aus einem Fußteil, einem massiven Holzklotz, in dem nicht ganz senkrecht das Schwingbrett stand. Es war etwa 60 Zentimeter hoch, 25 bis 35 Zentimeter breit und lief oben in einem Henkel oder Griff aus. Dazu gehörte das Schwingmesser, ein ebenfalls aus Hartholz hergestelltes, etwa 65 bis 75 Zentimeter langes Holzmesser mit Handgriff. Zum Schwingen musste der Flachs am Ofen nochmals angewärmt werden, damit sich die Hülsenreste leichter von den Fasern trennen ließen. Man nahm ein Flachsbüschel, legte es über die obere Kante des Schwingstockes und strich nun mit dem Schwingmesser nach unten, um die Halmreste aus dem Flachsbüschel zu streifen und die Fasern auszurichten. Das Schwingen geschah im Takt,:3 Mal strich man mit dem Schwingmesser an dem Büschel herunter, das 4. Mal klopfte man rechtwinklig auf das Faserbüschel, so dass sich die Faser wieder lockern und die letzten Schalenreste heraus fielen. Dann wurde das Bündel in der Mitte zusammen geknotet und zu einem Knitzle oder Knittle gewunden. Wie beim Brechen des Flachses war auch beim Schwingen der Brauch des "Flächslereibens" üblich. Kam während der Arbeit ein Bursche oder ein gut situierter Herr an der Tenne vorbei, so trat ihm eines der mitarbeitenden Mädchen mit einem Büschel Flachs schüttelnd entgegen und sprach: "Ich schüttle dem Herrn ..... die Angeln, dass er sich gebe gefangen – und will Er erlöset sein, so zahle Er uns Bier und Wein". Der Angesprochene zahlte auch meist einen kleinen Obolus, der dann in Getränke umgesetzt wurde. Denn die Arbeit in der Tenne war mit viel Staub verbunden. Konnte der Angesprochene dem Mädchen dabei den Flachs entreißen, so durfte er ihn behalten. Mancher Scherz unterbrach die eintönige Arbeit. Besonders beliebt war es, jemanden, der den Spaß noch nicht kannte, auf den Nachbarhof zu schicken, mit der Bitte, man möge doch so gut sein und ihm für kurze Zeit die "Hanfelmodel" leihen. Man übergab ihm dann meist einen Sack mit einem sehr schweren Gegenstand, an dem er schwer zu schleppen hatte. Kam er dann in die heimische Tenne zurück, war das Gelächter entsprechend groß. Manchmal war jedoch unter ihnen ein Schelm, der das Spiel bereits kannte. Willig ging er mit dem Auftrag los, kehrte aber in ein Wirtshaus ein und ließ sich auf Kosten derer, die ihn geschickt hatten, einen kräftigen Trunk geben.
Nach getaner Arbeit wurde meist noch ein Vesper gereicht oder es gab Kaffee und einen Gugelhupf als Belohnung für die Mithelfenden.

Der nächste Arbeitsgang war das Hecheln. Beim Hechel werden die kurzen Fasern aus den Büscheln oder "Knittle" heraus gekämmt, so dass man am Ende fast ganz gleich lange Fasern übrig behielt. Die Flachshechel besteht aus einem Brett, welches in der Mitte eine Anzahl von etwa 6 bis 8 Zentimeter langen, kreisförmig oder oval angeordneten Nägeln enthält. Durch diese, mit den Spitzen nach oben stehenden Nägel wird das Faserbüschel hineingeschlagen und so oft durchgezogen, bis alle kurzen Fasern herausgekämmt sind und die letzten Unreinheiten ebenfalls entfernt wurden.
Die Hechel wurde in einem Hechelbock eingespannt und konnte so schnell gegen eine Andere ausgewechselt werden. Je nach Bedarf gab es verschieden feine oder gröbere Hecheln.
Besonders feine wurden Haarhecheln genannt, weil nur diese die ganz feinen und langen Fasern übrig ließen. Aus diesen Fasern wurde später hauptsächlich Nähgarn gesponnen. Nach dem Hecheln wurden die Faserbüschel zu Zöpfen geflochten, nach Qualität sortiert und in einem großen Sack aufbewahrt. Der ausgekämmte Abfall wurde zu "Wergbollen" zusammen gedreht und bildete das Ausgangsmaterial, aus dem später die gröberen Garne für grobes Tuch (Packleinwand, Segeltuch, Planen für Wägen und Zelte) gesponnen wurde. Man musste früher, wenn man irgendwelche Waren versenden wollte, diese der schlechten Transport- und Wegemöglichkeit wegen gut und dauerhaft verpacken. Aus diesem Grund wurde sehr viel Packleinwand benötigt. Meistens wurde die Hälfte des Flachsertrages eines Jahres für solche groben Garne versponnen. Das Allgäu war für seine hervorragende Packleinwand weit über seine Grenzen hinaus bekannt,. Sie stellte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Ausfuhr in andere Länder dar. Mit dem Hecheln waren die Arbeiten in der Tenne beendet, und die weitere Verarbeitung geschah nun in der Spinn- oder Kunkelstube.
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