Das Jahr im Zeichen des Flachses

Leinwandhandel und Gewerbe im Mittelalter in Isny*
Der städtischen Gründung, von Isny, der Grafen von Altshausen-Veringen ist trotz der Ungunst der geographischen Lage ein bemerkenswerter Aufschwung beschieden gewesen. Wenn wir uns fragen, wie es möglich war, dass im Allgäu auf verhältnismäßig engem Raum so viele wirtschaftlich bedeutungsvolle, der Bevölkerung nach ansehnliche und schließlich auch kulturell leistungsfähige Städte emporwachsen konnten, so hat zu dieser Entwicklung vor allem die in diesem Landstrich blühende Leinwand-Industrie beigetragen. Schon sehr früh wird in den geschichtlichen Quellen Oberschwabens die Herstellung von Leinwand erwähnt. Der Anbau von Hanf und Flachs war in Schwaben weit verbreitet. Selbst die Sage hat die Erinnerung daran bewahrt. Mit vergnügtem Schmunzeln erzählt sie uns, wie die sieben Schwaben auf ihrem abenteuerlichen Zug an den Bodensee ein blühendes Flachsfeld für einen See hielten und sich kopfüber In die blauen Fluten stürzten. So bezeugt uns ein Volksschwank aus alter Zeit, wie verbreitet der Anbau von Flachs einst gewesen ist. Auf dieser Grundlage konnte sich in Stadt und Land das häusliche Gewerbe der Weberei entwickeln. Das bestätigt ein Sebastian Frank, wenn er schreibt: "die mühsamen Schwaben arbeiten vor anderen Handwerkern am meisten Flachs, Wolle und Leinwand. Nicht allein Frauen und Mägde, sondern auch Männer und Knechte spinnen; man sieht das Widersprechende: sie arbeiten und reden wie Weiber und sind doch freisame, streitbare Leut', wie sie nur irgend ein Land haben mag". Das trifft gerade so gut auch für das Allgäu zu und wird bestätigt durch einen Holzschnitt in Sebastian Münsters Kosmographie, der Allgäuer Bauern darstellt, welche sämtlich, Mann, Weib und Kind, als Zeichen ihrer Hauptbeschäftigung Spindeln in den Händen tragen.

Die in Stadt und Land als häusliches Nebengewerbe betriebene Leinenweberei war ein blühendes Gewerbe, denn von allen gewebten Stoffen ist im Mittelalter bis herein in die Neuzeit keiner so gekauft und so vielseitig und häufig verwendet worden wie gerade die Leinwand. Sie diente nicht nur, wie noch heute, zur Herstellung von Leib-, Tisch- und Bettwäsche, sondern wurde auch vielfach (namentlich als Farbleinwand), vor allem in den minderbemittelten Kreisen, zur Oberkleidung verwandt. Aus ihr wurden Tisch- und Bettdecken, Fenster- und Bettvorhänge, Kissenbezüge u. a. gefertigt. Daneben fand sie im gewerblichen Betrieb vielseitige Verwendung (Zelt- und Wagentücher, Segel usw.). Die starke Verbreitung der Leinwand ist vor allem damit zu erklären, dass sie lange Zeit das einzige leichte Gewebe war, das die breite Masse zu erschwinglichen Preis erstehen konnte. Die schweren gewalkten Tuche waren doch teuer, Seidenstoffe ein Luxusartikel, auch das aus leinener Kette und baumwollenem Einschlag hergestellte Mischgewebe, Barchent genannt, kam erheblich teurer zu stehen als Leinwand.
Ein großer Teil der oberschwäbischen Leinenerzeugung wurde von der um 1380 gegründeten Großen Ravensburger Handelsgesellschaft übernommen und im Auslande vertrieben. Dank eines Zufallsfundes sind wir über dieses älteste oberdeutsche Handelsunternehmen verhältnismäßig gut unterrichtet. Im Jahr 1911 wurde im ehemaligen Kloster Salem in einer vergessenen Schublade ein Paket mit alten Briefen und Rechnungen gefunden, das die Aufschrift "unnütze Handelspapiere" trug. Ihre Untersuchung ergab, dass es sich um Papiere der Großen Ravensburger Gesellschaft handelte, die der Erbe eines der alten Gesellschafter bei seinem Eintritt ins Kloster mitgebracht hatte. Dieser wertvolle Fund ermöglichte es einem deutschen Forscher (A. Schulte), eine eingehende dreibändige Geschichte dieser Gesellschaft zu schreiben. Dieses Unternehmen, das von 1380 bis 1530 bestand, war ein Weltgeschäft, das auswärts zahlreiche "Gelieger" (Filialen) unterhielt: auf der Pyrenäenhalbinsel in Barcelona, Valencia und Saragossa, auf italienischem Boden in Venedig, Mailand und Genua, auf französischem Boden in Avignon und Lyon, vielleicht auch in Perpignan, weiter in Genf, Brügge (später In Antwerpen), Nürnberg, Wien und vielleicht auch in Breslau, doch bestanden diese Gelieger nicht alle gleichzeitig. Dorthin ging die Ausfuhr Schwabens, vor allem die oberschwäbische Leinwand, deren Erlös dann in Gestalt der begehrten Erzeugnisse der Fremde zurückkehrte: Farbstoffe, Zucker, Korallen, Seide, Perlen, Edelsteine, Straußenfedern, Metalle, Gewürze (vor allem der begehrte Safran) und anderes mehr. An dieser Gesellschaft waren auch eine Reihe Isnyer beteiligt, was ja wohl begreiflich ist. Die große Gesellschaft mit ihrem ausgebreiteten Netz von Geliegern konnte viel billiger wirtschaften als eine kleine Familiengesellschaft oder ein einzelner, der allein auf eigene Rechnung Handel trieb. Dass die aus Isny stammenden Gesellen vor allem in Spanien, dem Hauptabsatzgebiet der Leinwand, in Dienst gestellt wurden, lag nahe. Diese Gesellen standen den Geliegern vor; sie leiteten die Transporte, kauften die Waren ein, beobachteten die Marktlage und standen in regem brieflichem Verkehr mit der Zentrale in Ravensburg. Unter diesen Gesellen, deren Zahl in manchen Jahren bis zu 100 anstieg, und unter denen, die sich nur mit einer Geldeinlage an der Gesellschaft beteiligten, treffen wir eine Reihe von Isnyern. In Saragossa und Barcelona begegnen uns von 1430 bis 1440 ein Peter Christan und 1426 und 1428 ein Christoffel Spideli. Andere Spideli scheinen 1428-143; in Spanien auf eigene Rechnung Handel getrieben zu haben. Einer dieser Spideli, Peter Spideli, ist der erste oberdeutsche Kaufmann, der sich in London nachweisen läßt. Er stand in Geschäftsverbindung mit der Gesellschaft des Filippo Borromei e compagni von Mailand; im Dezember 1435 kam er nach London mit 2 Säcken Safran, die er in Brügge eingekauft hatte. Kurz darauf erkrankte und starb er; über die Behandlung während der Krankheit haben wir Nachrichten aus der Geschäftsrechnung. Kurz erwähnt seien noch andere Isnyer in den Reihen der Gesellschaft: die Koler (Köler), Flück, Rudolf Mesnang (1436 in Valencia, vor 1453 in Barcelona, später in Isny), Jacob Rudolf (zwischen 1474 und 1480 in Spanien; ein anderer Jacob Rudolf 1517 in Saragossa), Heinrich Sporer, 1494 in Valencia tätig, Heinrich Stüdlin, den wir 1497 in Saragossa, 1507 in Lyon, später wieder in Saragossa antreffen. Meist kehrten die Gesellen, wenn sie älter wurden, in ihre Vaterstadt zurück, mischten weiter wie in ihren Briefen katalanische Brocken in ihre Sprache, bekleideten hohe Ämter zu Hause, brachten oft ein stattliches Vermögen, mitunter aber auch lockere Sitten nach Hause.
Eine Reihe bedeutender Gesellen stellte die Isnyer Familie Wissland (Weissland) der Gesellschaft. Jacob Wissland begegnet uns als erster Vertreter der Gesellschaft in Valencia, die damals dort selbst, wie wir aus Prozessakten erfahren, die Fabrikation von Rohrzucker betrieb. Daneben gab sich Wissland mit Kleinverkauf auf eigene Rechnung ab. Mehr noch: diesem Jacob Wissland gebührt der Ruhm, als erster die deutsche Erfindung der Buchdruckerkunst in Spanien eingeführt zu haben. Das älteste Erzeugnis seiner Presse stammt aus dem Jahr 1474; im Jahr darauf ist Wissland an der Pest gestorben. Sein Bruder und Alleinerbe Philipp hat die Druckertätigkeit, bei der ihm Lambert Palmart als Korrektor und literarischer Beirat diente, eine Zeitlang fortgeführt. Er wagte sich sogar noch an die Drucklegung einer katalanischen Bibelübersetzung, die, wie es auf dem Schlussblatt heißt, vom Februar 1476 bis März 1477 gesetzt und gedruckt wurde "a despescs del magnifich en Philipp Vislant mercader de la vila de Isne de la alta Alemanya". Um 1477 hat sich Wissland von der Gesellschaft getrennt und ist der neuen Ankenreute-Gesellschaft beigetreten, für die er in Nürnberg und Frankfurt und 1484 wieder in Valencia tätig war. Am 17. Dezember 1485 ist er in Ulm gestorben; noch heute ist im Ulmer Münster sein Totenschild aufgehängt.

Dem großen Unternehmen der Ravensburger ist es gegangen wie so manchem anderen: der Unternehmungsgeist, der einst das Geschäft zum Blühen gebracht und seinen Aufstieg gefördert hatte, erlahmte. Schon um 1460 machten sich Anzeichen des Niedergangs bemerkbar. Der Reichtum, den der Handel eintrug, ermöglichte den Herren ein Wohlleben, bei dem die alte Tatkraft und der alte Unternehmungsgeist verloren gingen. Der Wagemut, neue Wege einzuschlagen und den sich verändernden Zeitverhältnissen anzupassen schwand. Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts die große Umlagerung auf dem Weltmarkt einsetzte und der Verkehr in den Mittelmeerhäfen zurückging, da konnten sie sich nicht entschließen, in Lissabon, dem Hauptmarkt für den Verkehr mit Amerika und Ostindien, sich niederzulassen oder gar wie die Welser mit eigenen Schiffen die Waren von ihrem Ursprungslande hereinzuholen. Kein Wunder, dass sie bald von den aufstrebenden, rührigen Fuggern und Welsern überflügelt wurden, die sich daneben auch dem Bankgeschäft widmeten. Absplitterungen, die dem Unternehmen viel Kapital entzogen, trugen das ihre dazu bei, den Niedergang herbeizuführen. Er begann mit dem Rückgang des Geschäfts in Frankreich; die Gelieger in Spanien wurden nacheinander geschlossen und zuletzt auch in Italien aufgegeben. Am 28. Januar 1527 starb der Führer Hans Hinderofen, die letzte starke Persönlichkeit der Gesellschaft. Schon drei Jahre darauf wird die Gesellschaft nicht mehr genannt - "eine der großartigsten Verkörperungen deutscher Kaufmannschaft in unserer Geschichte überhaupt" hatte aufgehört zu bestehen.
Sehr dürftig sind wir über den sonstigen Handel im alten Isny unterrichtet, da die urkundliche Überlieferung erst spät einsetzt. Schon im Jahr 1325 erscheint die Stadt im Verkehr durch Tirol; zum Jahr 1333 bemerkt Specht in seiner Chronik, dass man "schon damals einen schönen Handel mit roher, weißer, gedruckter, gefärbter und "gögleter" Leinwad und sonst groß Gewerb und Handelschaft getrieben" habe, und Vincenz bemerkt zum selben Jahr, dass die Stadt einen Handelsvertrag (mit Venedig) geschlossen habe (leider ohne nähere Quellenangabe). Gelegentlich erfahren wir von Isnyer Handelsherren, die auf eigene Rechnung Handel getrieben haben, wie die Buffler, die nach Wien mit Leinwand von Isny und Kempten handelten. Von Peter Buffler, dessen Lebenszeit zwischen 1475 und 1551 fällt, weiß man, dass er z.B. 1496-1499 auf den Messen zu Linz war und dass er seine Waren in München auf Flöße verlud, um sie donauabwärts führen zu lassen. Um 1530 ist die Rede von Faktoren Bufflers in Wien und Ofen. Ein Bruder Peter Bufflers war in Nürnberg tätig; sehr wahrscheinlich gehören zu dieser Familie die Pufler in Leipzig, die besonders am sächsischen Zinnhandel beteiligt waren. Eine Reihe Isnyer war im Salzhandel tätig; schon 1362 liefert ein Isnyer Salz nach Basel, und in Schaffhausen begegnen uns als Salzhändler 1442 Bentilli, 1539 Lienhart Feer und 1547 Jerg Pfender und Jerg Scherer.
Das kleine Isny schickte seine Kaufleute vielfach zum Verkauf von Sensen nach Genf und in der ganzen Schweiz herum (z. B. 1486 ein Hans Mantz in Freiburg i. Ue.).
Handelsbeziehungen Isnys im Mittelalter
Fernhandel ------ Leinwandabsatz
Auch auf den mittelalterlichen Messen fehlen die Isnyer nicht. Diesen von nah und fern besuchten Austauschplätzen kam im Mittelalter eine hervorragende Bedeutung zu. Man muss sich vor Augen halten, wie schlecht die Verkehrsverhältnisse jener Zeit waren und wie sie die Überwindung großer Entfernungen ungemein erschwerten. Die Warentransporte auf Saumtieren oder auf den großen, schweren Frachtwagen kamen nur langsam vorwärts; überall traf der Reisende auf Zollstellen oder auf neue Landesgrenzen, wo man wieder Geleitsgeld forderte. So war es für die Kaufleute eine außerordentliche Erleichterung, wenn sie zu bestimmten Zeiten an einem Orte die Kaufmannschaft des ganzen Landes antreffen konnten. Da gab sich dann erwünschte Gelegenheit, sowohl die Waren zu besichtigen und umzusetzen, als auch die Abrechnungen vorzunehmen und die Zahlungen zu vollziehen. So waren die Messen des Mittelalters nicht nur Warenaustauschplätze, sondern auch gleichzeitig die Mittelpunkte der Geldgeschäfte. Auf ihnen, in Frankfurt a. M., in Lyon, in Nördlingen, in Zurzach, in Genf und sonst begegnen wir auf Schritt und Tritt auch Isnyer Kaufleuten; so z. B. 1438 Claus Setzing in Zurzach, 1453 Erhard Keller, 1487 Jost Hoppe wohl auf der Lyoner Messe.
Venedig - Fondaco die Tedeschi bei der Rialto-Brücke
Angehörige der Familie vorstanden. Auch in Venedig begegnen wir ihnen, wo von jeher oberdeutsche Kaufleute Handel trieben. Im deutschen Kaufhause, dem Fondaco dei Tedeschi, hatten sie ihren Wohnsitz und ihre Lager, und wiederholt bekleideten Mitglieder der Familie die Würde eines Konsuls der deutschen Nation. Hübsch schildert ein Nachruf auf Georg Walther von Eberz (1643-1710) den Werdegang eines Kaufmanns in der Vergangenheit. Nach dem Tod seines Vaters hat ihn seines Vaters Bruder Elias mit sich nach Nürnberg genommen und zur Handelschaft angehalten. "Von dannen er zu mehrerer Erlernung der lateinischen Sprache nacher Kempten und darauff weiter nacher Mümpelgardt zu Ergreiffung der frantzösischen Sprache ist verschicket worden. Worinnen er dann so zugenommen, daß sein damaliger Herr Vetter bewogen worden, ihne in die berühmte Stadt Florenz in Italien zu Attendirung und Verrichtung ihrer Handelsgeschäffte zu senden, allwo er solchem etliche Jahr mit dero großem Vergnügen obgelegen, in währender Zeit sich mancher schönen Wissenschaft beflissen, viel gesehen und erfahren, auch bey selbigem Groß-Hertzoglichen Hoff in großen Gnaden gestanden, welches ihme dann nachgehends in seinem gantzen Leben wohl zu statten kommen, indem er sowohl seinem Nebenmenschen als sich selber wohl damit dienen können." Auch an anderen Handelsplätzen, wie Ulm, Memmingen und Nürnberg, ließen sich Angehörige der Familie nieder. Zuletzt begegnen wir ihnen in Arbon, wo Johannes von Eberz (1677-1748) die Handlung seines Schwiegervaters, des Erbauers des Isnyer Rathauses, Johann Albrecht, übernahm, die bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts dort bestand.
Mit dem Rückgang der Leinenweberei, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts einsetzte, ging auch die Zeit der großen Handelsherren zu Ende. Mit ihnen konnten sich die Baldenhofer, Burger, Necker, Scherer u.a., deren Namen uns um 1600 begegnen, nimmer messen. Der letzte bedeutende Handelsherr, der uns in Isny begegnet, Johannes Albrecht (der Erbauer des heutigen Rathauses), hat nur kurze Zeit sein Geschäft in Isny geführt; er ist nicht nur wegen seiner Auseinandersetzungen mit der Stadt, sondern auch aus geschäftlichen Gründen nach Lindau gezogen (vorübergehend auch in Lyon tätig). Die Zeit des Großhandels war vorüber, vollends nach der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, welcher der Stadt so schwere Wunden geschlagen hatte. Das klein und arm gewordene Isny, abseits von den großen Handelswegen, bot nicht mehr die Entfaltungsmöglichkeiten von einst. Gestattet uns die recht lückenhaft erhalten gebliebene Überlieferung vorerst nur dürftige Angaben über die Geschichte des Handels im alten Isny, so sind wir über das Gewerbeleben im Mittelalter und in der Neuzeit besser unterrichtet. Schon das älteste Denkbuch der Stadt mit seinen mit dem Jahr 1396 beginnenden Einträgen gewährt uns Einblick in das rege gewerbliche Leben der Stadt. Eine auch nur annähernde Übersicht über das heimische Gewerbe in der Vergangenheit zu geben, würde den Rahmen dieser Darstellung überschreiten. Darum soll an dieser Stelle nur von dem Gewerbe die Rede sein, das hauptsächlich in Isny ausgeübt wurde und dem die Stadt in der Vergangenheit ihre Blüte und ihren Wohlstand verdankte, von der Leinenweberei. Sie ist es vor allem gewesen, die den Aufstieg des kleinen Landstädtchens zur Reichsstadt begünstigt und möglich gemacht hat.
Die Leinenweberei ist früh in Isny heimisch gewesen. Schon 1250 wird ein Lodweber erwähnt, und wenn im Jahr 1333 die Stadt mit dem Abt wegen der Benützung einer vom Kloster bei der Achquelle in der Vorstadt erbauten Leinwandwalke und Bleiche Vereinbarungen trifft, so erhellt daraus zur Genüge, dass sich dieses Gewerbe schon früh stark entwickelt hatte. Das bestätigen auch die ersten Einträge des ältesten um 1396 angelegten Denkbuchs, die nur das bestehende ältere Gewerberecht wiedergeben.

Im Mittelalter waren die Handwerke zu Zünften zusammengeschlossen.* Über den Zeitpunkt, an dem sich in Isny dieser Zusammenschluss vollzogen hat, ist uns nichts überliefert. Erst spät treten die Zünfte nach außen in Erscheinung, damals, als sie sich das Recht der Mitwirkung und Mitberatung im Stadtregiment erkämpften. Im Jahr 1381 gab Truchseß Otto von Waldburg, der Lehensherr der Stadt, den Bürgern Gewalt, "das si ... nu hinnanhin immer me eweclich in ir stat burgermaister und zünft wol setzen ... mugent, alz dikk (oft) si wendt und wie si oder den meren tail under in denn ie dunkt, das in und irem flekken nütz und guot sige". Leider werden in der darüber ausgestellten Urkunde die sicher damals schon bestehenden Zünfte nicht namentlich aufgeführt. Erstmals wird die Weberzunft in einer Ratsverordnung des Jahres 1425 erwähnt. Sie hat sich wohl in eigener Zuständigkeit eine Ordnung (Zunftbrief) gesetzt. 1430 bestimmte der Rat, dass vor Festsetzung neuer Ordnungen die Weberschaft zu Zunftmeister und Elfern (11köpfiger engerer Ausschuss) nochmals 11 Weber wählen solle; was diese 23köpfige Kommission beschließt, muss, ehe es verbindlich wird, dem Rat zur Genehmigung vorgelegt werden.

* Der Zünfte waren es im alten Isny 6: Herrenzunft, Weberzunft, Bäckerzunft, Schmiedezunft, Schuhmacherzunft und Schneiderzunft (nach 1631 Kramerzunft genannt). Die hier nicht aufgeführten Gewerbe waren einer dieser Zünfte einverleibt, so z. B. 1783 laut Zunftbuch der Kramerzunft die Schneider, Färber, Seidensticker, Glaser, Seckler, Kürschner, Nestler, Gürtler, Tuchscherer, Maler, Nadler, Ringler, Hafner, Seiler, Hutmacher, Buchbinder, Kammmacher, Bortenmacher, Strumpfstricker, Knopfmacher, Zeugmacher, Kammmacher und Wollenweber. Die Selbständigkeit der Zunft war also eingeschränkt; selbstsüchtige, dem Gemeinwohl abträgliche Bestrebungen innerhalb der Weberschaft sollten vereitelt werden. Damit sollte aber nicht, wie aus der Verordnung hervorgeht, eine Einflussnahme der Weberzunft bei gewerblichen Verordnungen ausgeschlossen sein. In solchen Dingen wurde jedenfalls die Zunft angehört; bemerkenswert ist die damals getroffene Bestimmung, dass die Weberzunft berechtigt ist, einen oder zwei "reder" in den Rat abzuordnen, wenn Angelegenheiten beraten werden, die ihre Belange betreffen. Diese Vergünstigung war keiner anderen Zunft gewährt. Schon daraus erhellt, welche Bedeutung der Weberei in Isny zukam.

Auch in Isny bestand Zunftzwang, d. h. jeder, der ein Handwerk gewerbsmäßig ausüben wollte, war verpflichtet, einer Zunft beizutreten und sich damit einer mitunter recht weitgehenden gewerblichen Aufsicht zu unterstellen. Da jedoch die Weberei auch als häusliche Nebenbeschäftigung ausgeübt wurde, verbot sich die zunftmäßige Erfassung aller, die woben. Nur wer mehr als drei Tuche jährlich wob, war gehalten, der Zunft beizutreten. Wer aber, ohne Zunftmitglied zu sein, dieses Maß überschritt, hatte Strafe zu gewärtigen. Diese Beschränkung der Hausweberei war den Webern freilich noch zu wenig. Ihrer Forderung nach Verbot der Hausweberei auch in diesem beschränktem Umfang hat sich der Rat widersetzt und sich später nur zu dem Zugeständnis herbeigelassen, dass die Hausweber nur noch für den eigenen Bedarf weben, also den Markt nicht beschicken durften. Ebenso streng aber wachte der Rat darüber, dass sich nicht Großbetriebe entwickelten, die den anderen die Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten schmälerten. So ist es zu verstehen, dass einem Weber der Garneinkauf nur für drei Webstühle gestattet war, dass der Sohn sich nicht am Geschäft des Vaters beteiligen durfte, außer er beschränkte sich auf einen Webstuhl. Die Zunftorganisation sah ihre Aufgabe darin, eine möglichst große Anzahl mittelmäßiger Existenzen zu gewährleisten und die Entstehung klaffender sozialer Unterschiede zu verhindern.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte der Rat der Rohstoffbeschaffung für die Weberei. In zahlreichen Verordnungen wurden Bestimmungen getroffen, die den unerwünschten Verkauf und Aufkauf auf dem Lande, die übermäßige Eindeckung einzelner verhindern und den verteuernden Zwischenhandel ausschalten sollten.
Die zunehmende Garnknappheit führte die Allgäustädte dazu, sich des öfteren zu Garnbündnissen zusammenzuschließen, um auf dem Markt erträgliche Verhältnisse zu schaffen.

Am liebsten hätte man es gesehen, wenn der Garnhandel einzig und allein sich auf dem städtischen Markt abgewickelt hätte, wo Kontrolle möglich war. So musste denn doch, besonders in Zelten des Garnmangels, der Einkauf außerhalb der Stadt gestattet werden, wenn auch nur in bestimmten Mengen und nur unter bestimmten Bedingungen, die verhindern sollten, dass die ärmeren Weber, die nur unter Verdienstausfall das Garn selbst auf dem Lande hätten einkaufen können, ins Hintertreffen gerieten.

Über die Art der Produktion erfahren wir wenig. In Isny wurde anscheinend ausschließlich Leinenweberei getrieben (von Barchent-Weberei erfahren wir nichts). Hergestellt wurde breite und schmale Leinwand. Die breite (feinere) Leinwand musste, wie aus einer Ratsverordnung um 1415 hervorgeht, mindestens aus einem 14er Geschirr kommen, d.h. die Zahl der Kettenfäden im Geschirr musste mindestens 1400 betragen, die schmale (gröbere) Leinwand mindestens aus einem 10½ er Geschirr (also mit 1050 Kettenfäden).

Die gesamte Leinwandproduktion unterlag dem Schauzwang, den eine städtische Schaukommission ausübte. Den Zweck, den die Schau verfolgte, war ein Doppeltes: "Einmal diente sie dem Interesse des Publikums, indem sie durch genaue Prüfung der Wäre vor deren Überführung in den freien Verkehr dieses (das Publikum) vor Fälschung bewahrte, dann aber war sie für den Rat eine reiche fiskalische Einnahmequelle." Man wird aber noch einen weiteren Zweck in Betracht ziehen müssen: "Die Schau diente nicht nur den Interessen des Rates und der Kunden, sondern eben so sehr denen der Weber selbst, indem diese durch den Schauzwang veranlasst wurden, nur einwandfreie Ware zu produzieren. Dies konnte für den Absatz ihrer Ware wie für den allgemeinen Ruf ihres Gewerbes aber nur von Vorteil sein."

Das Tuch, das vor der Schau bestand, erhielt als Schauzeichen das "gilgenzaichen" (Lilienzeichen), nach dem Färben das "rossisen" (Roßeisen - Stadtwappen!). Schlecht gewirktes Tuch wurde in etwa 10 Meter lange Stücke zerschnitten und durfte im Umkreis von vier Meilen um die Stadt weder gefärbt noch verkauft werden. Tuch, das keine ausgesprochene Qualitätsware, aber sonst einwandfrei war und darum auch das Schauzeichen erhielt, wurde durch "oren" (Durchlöchern) kenntlich gemacht (später wurde bessere und geringere Qualität durch zweierlei Stempel gekennzeichnet; die bessere mit einem Roßeisen mit darüber stehendem Kreuz, die geringere mit dem gleichen Zeichen, doch ohne Kreuz). Es wurde ebenfalls in Stücke geschnitten und kam für die Ausfuhr nicht mehr in Betracht.

Die Stadtväter, denen sehr viel am Ruf der Stadt lag, achteten also streng darauf, dass nur gute, einwandfreie Ware in den Handel kam.
Umgehung und Täuschung der Schau wurden darum streng bestraft. Ein Weber namens Finttenkern, der um 1407 seine Tuche selbst gestempelt hatte, verlor das Recht, in den Rat oder ins Gericht gewählt werden zu können. Härter wurde ein Hans Betzengöw angefasst, der selbst mit einem falschen Stempel seine Leinwand gezeichnet hatte; er bekam ewiges Stadtverbot auf 100 Jahre und einen Tag.

Soweit die Leinwand nicht in rohem Zustand ausgeführt wurde, kam sie in die Bleiche, dann zum Glätten in die Walke oder Mange. Schon 1333 bestand in Isny eine dem Kloster gehörende Bleiche nebst Walke unweit der Achquelle. Ihre Benützung war den Bürgern unter günstigen Bedingungen gestattet. Als später die Stadt eine eigene Walke, die "staine", errichtete und ihren Bürgern die Benützung der Klosterwalke verbot, erhob der Abt gegen dieses Verbot vor dem Schwäbischen Städtetag in Ulm 1379 Einspruch; es erfolgte der Bescheid, dass dieses Verbot sich nicht auf Gäste (d.h. Auswärtige) und Ausleute erstrecken solle.
Das Glätten der gebleichten Leinwand besorgte der Manger. Er musste vor allem streng darauf achten, dass nicht minderwertige Ware unter Qualitätsware eingeschmuggelt wurde. Leinwand, die "des rossisens intwert" ist, d.h. nicht mit dem Roßeisen gestempelt war, weil minderwertig, musste besonders gebündelt werden. Die mit dem Isnyer Schauzeichen gestempelte Qualitätsware wurde, wenn sie "uss der färb" kam, nochmals gestempelt (rotes Roßeisen); das durfte auch bei solchen Stücken geschehen, die das Schauzeichen der Städte St. Gallen und Kempten trugen.

Leinen für den Markt durften in der Stadt, wie oben ausgeführt, nur die dem Zunftzwang unterliegenden Weber weben. Ein Wettbewerb von Seiten der Hausweber, die ja nur für den eigenen Bedarf weben durften, war also nicht zu befürchten, eher aber von Seiten der auf dem Lande sitzenden Weber, die ihre Erzeugnisse auch auf dem städtischen Markt feilbieten durften. Dem haben die städtischen Weber nicht gerne zugesehen. Die Landweber hätte man am liebsten vom Markt ausgeschlossen. Wünschen, die in dieser Richtung gingen, hat sich der Rat anfänglich versagt. Er wollte einen gesunden Wettbewerb nicht ausschließen, der unbillige Preissteigerungen erschwerte, zumal die Landweber oft billiger produzieren konnten. Und angesichts der einschränkenden Bestimmungen der Zunftordnung, die jedem Weber nur 3 Stühle verstattete, konnte es zudem in Zeiten guten Geschäftsganges leicht vorkommen, dass die städtischen Weber die gesteigerte Nachfrage nach Leinwand nicht befriedigen konnten. Da waren die Kaufherren doch froh, wenn dann die Landweber in solchen Zeiten einspringen konnten, und werden es nicht unterlassen haben, ihren Einfluss im Rat dahin geltend zu machen, dass die Landweber zum Markt zugelassen wurden. Diese, die man dem Zunftzwang nicht unterwerfen konnte, mussten aber ihre Erzeugung vor der Verbringung auf den Markt von der städtischen Schau prüfen lassen, auch höhere Gebühren entrichten. Auf die Dauer konnte sich der Rat jedoch den Wünschen nach Ausschaltung der billiger erzeugenden Landweber nicht verschließen. Als mit Ausgang des 15. Jahrhunderts der Garnmangel immer fühlbarer wurde, für den man auch die Landweber verantwortlich machte, musste der Rat dem Drängen der städtischen Weber nachgeben und verfügte den Ausschluss der Landweber von der städtischen Schau und damit auch vom städtischen Markt.

Waren anfänglich nur die Weber zur Ausfuhr roher Leinwand berechtigt, so fiel diese Beschränkung bald, wenn auch der Ausfuhrzoll noch abgestuft und für die Weber geringer war als für andere. Den Zusammenschluss von Kaufleuten zu Gesellschaften hat man anfänglich in den Städten ungern gesehen und nach Kräften hintan zuhalten versucht. Um 1400 war in Isny noch die Leinenausfuhr "durch gesellschaft" verboten, aber wenige Jahrzehnte später ist dieses Verbot tatsächlich aufgehoben worden. Wie andere Städte, so hat auch Isny die Entwicklung nicht aufhalten können, die zu gesellschaftlichem Zusammenschluss im Handel drängte, sondern ihr nachgeben müssen. Ob in Isny sich Kaufherren gesellschaftlich zusammenschlossen, können wir nicht feststellen. Die meisten Isnyer, die uns im Handel begegnen, standen im Dienst der Ravensburger Gesellschaft oder mit ihr in Verbindung.

Die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, denen man sich hierzulande nicht anzupassen verstand, das Aufkommen der Baumwolle, Handelssperren, die Erfindung von Maschinen, all das hat dazu beigetragen, dass die Leinwand mehr und mehr verdrängt wurde. Der Rückgang setzte schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein. Die heimischen Weber verstanden es anscheinend nicht, sich den wechselnden Marktkonjunkturen anzupassen und der Nachfrage nach den verschiedenen Sorten in der Erzeugung gerecht zu werden. Anstößig war ihnen vor allem, dass der Rat, dem Drängen der Handelsherren nachgebend, die Einfuhr fremder Leinwand begünstigte. 1580 erhob sich die Weberschaft gegen den Rat und forderte ungestüm, dass das Färben fremder Leinwand in Isny verboten werden solle; sie konnte sich mit ihrer Forderung durchsetzen. Der Friede sollte nicht lange währen; 1586 erhoben sie in einer eingehenden Beschwerdeschrift Klage gegen den Wettbewerb der Wangener Weber. Diese waren nämlich seit langem zur Schau in Isny zugelassen und fanden sich zum Verdruss der Isnyer Weber je länger je zahlreicher ein. Das habe zur Folge, so klagten die Weber, dass die Isnyer Gesellen oft 8 Tage lang mit der Leinwand ihrer Meister hausieren müssten, um sie loszubekommen. Dazu komme trotz der 1580 abgeschlossenen Vereinbarung immer mehr fremde Leinwand herein. Sie erböten sich, den Kaufleuten alles zu wirken, es sei fein oder grob, breit oder schmal, dick oder dünn. Noch gelang es dem Rat, dieses Begehren abzuweisen, aber der Unwille der Weber brach im Jahr darauf aufs neue heftig los, ja sie verstiegen sich zu der Drohung, wenn der Rat ihren Forderungen nicht willfahre, eine andere Obrigkeit und Schirmherrn zu suchen. Die Wogen der Erregung gingen damals so hoch, dass der Rat sich um Hilfe an die benachbarten Reichsstädte Memmingen, Lindau und Kempten wandte. Memmingen sandte alsbald ein Kontingent von 50 bewaffneten Bürgern. Da sich aber die inzwischen aufgenommenen Verhandlungen günstig anließen, erging an die von Lindau anrückende, bereits in Wangen eingetroffene Hilfsmannschaft die Weisung zur Umkehr. Diesmal drangen die Weber mit ihren Forderungen durch; sie erreichten es, dass die Wangener gegen eine Abfindung seitens der Stadt von der Isnyer Schau ausgeschlossen blieben und dass die Einfuhr fremder Leinwand recht erschwert wurde. Mit einem feierlichen Fußfall der rebellischen Weber vor dem Rat wurde der Friede besiegelt.

* Kammerer, Immanuel, Isny im Allgäu - Bilder aus der Geschichte einer Reichstadt Seite 68-80

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