Vorbereitung des Ackers und Aussaat
Wenn im Herbst die Felder abgeerntet waren, wurden sie umgepflügt und die Schollen bis zum Frühjahr zum Ausfrieren liegengelassen. Im Frühjahr, kurz vor den Eisheiligen, wurde der Acker geeggt. Dadurch wurden die vom Frost zersprengten Schollen noch einmal zerkleinert und Wurzelreste und Steine aus dem Acker gekämmt. Man benutzte früher dazu die sogenannte "Nottelegge". Dieses, von einem Pferd oder einer Kuh gezogene Holzgerät, besaß in ihrer Halterung bewegliche Holzzähne, die nach vorne und hinten, aber nicht seitwärts ausweichen konnten. An einem windstillen Tag, meist um Georgi (wenn man am Jörgetag Lein sät, gedeiht er gut) wurde dann zum Säen gerüstet. Das Saatgut wurde für unsere Gegend meist aus Tirol bezogen und stellte einen nicht unbeträchtlichen Handelsfaktor dar.
Allerlei Brauchtum rankte sich um die Aussaat. Die Bauersfrau richtete in einem Leinwandsäckchen das Saatgut her, der Bauer band sich für diese Arbeit extra eine weiße Schürze um. Am Acker angekommen, wurde je nach Gegend verschiedenes Brauchtum bei der Aussaat des Flachses angewendet. Durch sinnbildliche Gesten wurde das Wachstum und das Gedeihen des Flachses beschworen. So sollte man schon auf dem Weg zum Acker den Flachssamen hoch zu Ross befördern, oder ihn wenigstens auf dem Kopf tragen, denn je höher das Saatgut um so höher der Flachs. Man steckte auch in alle vier Enden des Ackers lange Holunderstecken ein und sagte dazu.
"Reis, da steck ich dich her, so lang sollst du werden.".
Auch die Eierschalen von gekochten Eiern, die man zuvor auf dem Acker verspeist hatte, wurden in die Höhe geworfen und dann als Opfergabe auf dem Feld liegen lassen. Mancherorts war es der Brauch, dass die Frauen auf dem Feld Purzelbäume schlagen mussten, damit der Flachs auch ja gedieh. Überhaupt war es der Brauch, dass beim Säen ein junges Mädchen mit langen, blonden Haaren dabei sein sollte, denn - so lang das Haar des Mädchens, so lang wird der Flachs. Am Stanislaus-Tag (8. März) sollte man nicht säen, da der Flachs sonst "stranig" (strähnig) wird.
Vorsichtig schritt der Bauer über seinen Acker und säte den Leinsamen dicht aus. Fast andächtig verrichtete er seine Arbeit und so manches Segenswort begleitete die braune, glänzende Flut der Körner auf den Boden. Anschließend wurde das Feld mit der Streifegge geeggt und der Samen so unter den Boden gebracht, dass er vom Wind oder den Vögeln nicht weggetragen werden konnte.