Die Geschichte vom blauen Allgäu

Allgemeine Geschichte
Bereits in der Steinzeit, etwa vor 4-5 Tausend Jahren wurde neben den Kulturpflanzen Gerste, Weizen und Hirse schon Flachs angebaut. Man fand Leinwandreste in prähistorischen Gräbern. Die Heimat des Flachses ist vermutlich in den feuchten Niederungen des Kaukasus zu suchen. Indogermanen brachten ihn auf ihren Wanderungen nach Süden und Westen. Neben dem Hanf und der Wolle, später auch der Baumwolle, war der Flachs über lange Zeit bis vor etwa 100 Jahren die einzige Faser, die zur menschlichen Bekleidung diente. Schon im alten Ägypten, vor etwa 4000 Jahren, wurde der Flachs im Nildelta angebaut, und ebenso in Mesopotamien. Bekleidungstücke, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, geben neben den Mumienbinden, mit denen die Ägypter ihre Toten einwickelten, noch heute Zeugnis von der hervorragenden Webtechnik in diesem Raum.

Leinwand, als Sinnbild des Lichtes, war die einzig denkbare Tracht für die Priester bei ihren Zeremonien in den Tempeln. Isis, die Göttin des Nils, die das Leben und das Sterben versinnbildlichte, war die Schutzgöttin der Leinenindustrie. Man stellte bereits damals Gewebe von solcher Feinheit her, wie sie heute mit modernen Maschinen nicht gefertigt werden kann. Zum Teil wurden die Gewänder nahtlos gewebt. Die Ägypter verstanden es auch, die Gewebe mit einer Fülle von Naturfarben einzufärben.

Durch den Handel mit den Phöniziern kamen diese Erzeugnisse auch in andere Länder; der ganze mediterrane Raum wurde damals von den oben erwähnten Ländern versorgt. Wie wir aus der Leidensgeschichte Jesu wissen, hüllten die Juden ihre Toten in große Leinentücher ein. Homer preist das ungebleichte, ägyptische Leinen mit den Worten:  "Leinen hell wie des Öles sanfter Glanz", Helena, aus der altgriechischen Geschichte, trug feine, fast schleierartige Leinengewänder. Die Götterstatuen im alten Griechenland wurden mit festlichen Kultgewändern aus Leinen behängt.

Für den täglichen Gebrauch, als leinene Hand- oder Badetücher, als Laken für die Liegen, auf denen sie bei ihren Gastmählern lagerten, war das Leinen bei den Römern unentbehrlich. Den Römern, die in der Kulturgeschichte den Griechen nachfolgten, war das Leinen ein Zeichen von Wohlstand und Luxus. Seit Cicero sind Ziertaschentücher bekannt, die aber ihres Wertes wegen beileibe nicht zum Naseputzen verwendet wurden. Die prunkvollen Tafeln bei Gastmählern, von denen uns die Dichter des Altertums berichten, waren mit Leinentüchern bedeckt. Auch wurden beim Mahl leinene Servietten benutzt, da man fast nur mit den Fingern aß.

Mit der Ausbreitung des römischen Imperiums gelangte das Leinen auch in die Gefilde nördlich der Alpen. Die Germanen übernahmen den Flachsanbau und die Leinenweberei. Schon Plinius erwähnt in seiner Naturgeschichte die Ausdehnung des Flachsanbaues in den germanischen Gebieten. Hier war in erster Linie die gröbere Leinwand vorherrschend. Die feinen Gewebe, die vor südlicher Sonne Schutz gaben, waren für den kalten, rauen Norden ungeeignet. Dafür war die Schneiderkunst bei den Germanen sehr hoch entwickelt. Die Römer legten noch die Stoffbahnen um den Körper herum, während die Germanen eine eng anliegende, bequeme und geschmeidige Kleidung bevorzugten. Hauptsächlich wurde das Leinen zur Unterkleidung verarbeitet, für die Oberbekleidung nahm man Leder und Wolle.

Das alte germanische Wort "Hemidi" bezeichnete noch die Obergewänder, wie die Toga oder die Tunika, wurde aber später für die Unterbekleidung verwendet. Von diesem "Hemidi" stammt heute unser Hemd ab.
Auch im kultischen Leben der alten Germanen hatten der Flachs und der Lein seinen festen Wert. Wie Isis bei den Ägyptern, war bei den Germanen die Göttin Freya, die mütterliche, die mit den Frauen und Kindern spinnt, die Schutzpatronin des Flachses. Wenn im Sternbild des Orion Freya's Rocken verschwindet, musste der vorjährige Flachsvorrat versponnen sein.

Leinen galt den Germanen als einzig walhallawürdige Kleidung. Es war ihnen als Laken auf ihren Strohlagern, auf welchen sie sich nackt zur Ruhe legten, unentbehrlich. Auch im Rechtswesen hatte der Flachs einen hohen Stellenwert. Flachsdiebstahl vom Feld, wurde zum Beispiel strenger bestraft, als das Erschlagen eines Hirten oder eines Rossmarschalls. In Urkunden aus dem Mittelalter wird öfters von den Schwert- und Spindemägen gesprochen ( Spindemägen oder -mächtige sind Frauen, die des Spinnens mächtig waren).

Im frühen Mittelalter wurde der Flachsanbau vom Adel und in Klöstern besonders gefördert. Die Verarbeitung von Flachs war so zu sagen "Hoffähig". Mathilde, die Gemahlin König Heinrichs (898 n. Chr.) beherrschte das Spinnen und das Weben der Leinwand so gut, dass sie ihrem Gesinde darin Unterricht geben konnte.
Von Kaiser Karl dem Großen, wird berichtet, dass er lange, leinene Unterhosen trug, über die dann die Schuhbänder, ebenfalls aus Leinen, jedes 3 Ellen lang, gebunden wurden. Hosen und Bänder waren scharlachrot gefärbt. In Deutschland entwickelte sich früh ein reger Handel mit der überschüssigen Leinwand. In den aufblühenden Städten des Spätmittelalters wurde die Leinwandherstellung zum zunftmäßig geregelten Handwerk und zum Handelsgewerbe. Durch amtlich bestellte Prüfer wurde die Qualität des Leinens überwacht. Zu diesem Zweck wurden die fertig gewobenen Stücke in den Schauämtern (Legge) vorgelegt, wo sie vermessen und je nach Qualität und Güte gestempelt oder gesiegelt wurden. Schlechte Ware wurde in etwa 10 Meter lange Stücke zerteilt. Diese Stücke, Stücke wurden sie auch genannt , waren nur für den heimischen Markt bestimmt.

Viele Städte in Deutschland erwarben durch den Leinwandhandel großen Reichtum. Diese Textilstädte, die später auf andere Produktionszweige umstellen mussten, sei es in Mittel-, Ost- und im besonders textilgewerbereichen Süddeutschland, zeugen noch heute mit ihren herrlichen Bauten aus dieser Zeit. Aus den Weberfamilien erwuchsen im Süden von Deutschland die großen Handelsherren dieser Zeit. Als typisches Beispiel sei das Geschlecht der Fugger erwähnt, die mit Kaiser und Königen verkehrten und Kraft ihres mit Leinwandhandel erworbenen Geldes sogar Einfluss auf die Weltpolitik nahmen.

Der Dreißigjährige Krieg brachte die Leinwandindustrie fast zum Erliegen. Erst im 18. Jahrhundert gelang es, unter der Landesherrschaftlichen Förderung und einer merkantilistischen Wirtschaftsführung einen Wandel zu erreichen. Dank dieser Förderung erreichte der Leinwandhandel etwa die Hälfte des gewerblichen Exportes in andere Länder.
Im süddeutschen Raum machten sich die Schäden des Dreißigjährigen Krieges besonders bemerkbar. Die Märkte in Österreich und Spanien gingen verloren, weil diese Länder den Handel mit protestantischen Städten untersagten. Die Schweiz baute eine eigene Webindustrie auf.

Nach einer kurzen Erholung wurde dann in den napoleonischen Kriegen erneut ein Einbruch in die Handelsbeziehungen vermerkt. Die Verbindung zu Spanien ging entgültig verloren, Irland stieß als Ersatzlieferant in diese Gegenden vor. Etwa um das Jahr 1745 brachte die Einführung der mechanischen Webstühle und die Baumwollweberei ( ca. im Jahre 1760) die bisherige Leinwanderzeugung fast zum Erliegen. Weberaufstände, die sich gegen die neue Zeit mit ihrer Technik richteten, das Stürmen und Zerschlagen der mechanischen Webstühle, konnten den Niedergang dieses Industriezweiges nicht mehr aufhalten.

Die Anbauflächen des Flachses gingen immer mehr zurück. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland nur noch auf ca. 250.000 ha Flachs angebaut. Im alten Oberamtsbezirk Wangen im Allgäu wurden für das Jahr 1854 noch 300 ha ausgewiesen, die sich auf lediglich 28 ha im Jahr 1905 verringerten. Heute wird in Deutschland gewerbsmäßig fast kein Flachs mehr angebaut. Die benötigten Faser- und Ölleinen kommen heute zum größten Teil aus Ungarn, Argentinien, Kanada, der Türkei, dem vorderen Orient und den USA, nur im geringen Maß aus Frankreich und den Niederlanden.



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