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Schmuck aus Haar -
eine fast vergessene Handwerkskunst


Begleittext für die Ausstellung im Museum am Mühlturm in Isny
von Martin Kratzert


1. Die Herkunft des Haarschmuckes
Die Herstellung von Schmuck aus Haaren gehört zu den ältesten filigranen Schmucktechniken, die mit großer Perfektion ausgeführt wurde. Sitten der Naturvölker bestätigen dem Völkerkundler Ziertechniken von Haarflechtarbeiten und Stickereien aus diesem Material, die unter anderem von den Bewohnern der Südseeinseln bekannt sind. Diese äußerst minutiöse Tätigkeit wurde bei den verschiedensten Völkern von höchst sensibilisierten weiblichen und Kinderhänden ausgeführt. Auch in Mitteleuropa war diese Tätigkeit Gegenstand weiblicher Erfindungsgabe.
In Mode kam der Haarschmuck erst so richtig im 18. und 19. Jahrhundert, als Liebe und Freundschaft mit solchen Erinnerungsstücken gepflegt wurde. Die gefühlsmäßige Bedeutung stand im Vordergrund, in der Zeit der Empfindsamkeit galt eine so persönliche Gabe viel. So sind die meisten dieser frühen Haarschmuckstücke Gaben von den eigenen Haaren.
Der Ursprung der Haarverarbeitung in dieser Zeit lag in England und fand während des Klassizismus und des Biedermeiers, in der Blüte des Andenken- und Freundschaftskultes, in ganz Europa Verbreitung.

Diese Mode endete Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung begann die "nüchterne" Zeit, in der der Freundschafts- sowie der Andenkenkult altmodisch wurde. Die Einführung des Kurzhaarschnittes (Bubikopf) und die Dauerwelle veränderten die Frisurmode und die Haarqualität.

Brosche mit Locken um 1850

2. Haar in der Symbolik
Seine Verarbeitung zu Schmuck basiert in der Bedeutung des Haares als Teil des ganzen Menschen, das durch seine Haltbarkeit gleichsam unsterblich ist. Im Volksglauben ist das Haar der Sitz der Lebenskraft. Wer ein Haar von einem anderen besitzt, hat Macht über ihn. Wer also sein Haar einem anderen schenkt, liefert sich ihm sozusagen aus. "Ein Haar fesselt stärker als die stärkste Eisenschnur" berichten alte Märchen, wie man im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" nachlesen kann. Die einfachste Form des Haarschmuckes, die sich bis heute erhalten hat, ist die Locke im Medaillon.
Haar, das man zum Gedenken verwendet, wurde nie der Leiche, sondern immer dem Sterbenden abgeschnitten, denn man glaubte, dass die Haare, welche toten Menschen abgeschnitten werden, fast gar nicht zu gebrauchen sind, sie sind gleichsam "abgestorben", wie es in einer Naturgeschichte aus dem Jahr 1802 heißt.


3. Haar als Geschenk
Haar, insbesondere das eines lieben Menschen, stand und steht noch heute hoch im Kurs. Die Locke im Poesiealbum oder im Medaillon gilt als eine ganz besondere Geste, ist sie doch ein Stück des Gebers selber.
Schrieb man früher für eine Geliebte oder einen Geliebten ein Gedicht, wurde ein "Stück von sich selbst" in Form einer Locke oder eines schlichten Haarbildes hinzugefügt. Diese eigenhändige Arbeit machte die schon persönliche Gabe des Gedichtes durch das Haar noch persönlicher. Außerdem wollte man ausschließen, dass berufsmäßige Haarkünstler versehentlich oder mit Absicht fremdes Haar verwendeten. Während einfache Andenken wie Klebearbeiten aus Menschenhaaren und leichte Flechtarbeiten noch selbst gefertigt wurden, verlangten komplizierte Techniken und vielfältigere Formen nach Professionalisierung, wie sie die Friseure und Perückenmacher wahrnahmen.

Der Austausch von Haaren als Geste der Freundschaft scheint in manchen Kreisen ein beliebtes Spielchen gewesen zu sein. Jedenfalls berichtet um 1800 der Dichter Jean Paul einem Freund aus dem Urlaub:
"Viele Haare erbeutete ich (eine ganze Uhrkette von den Haaren dreier Schwestern) und viel gab mein eigener Scheitel her."

4. Material
Am geeignetsten für Haararbeiten ist das Haar von lebenden Menschen, da es größere Elastizität und den schöneren Glanz hat.
Selten wurde Totenhaar verwendet. Vor der Verarbeitung musste man sie zuvor in mit Holzasche gesättigtem Wasser sieden, wodurch sie Glanz und Geschmeidigkeit zurückerhielten. Das Bürsten war eine weitere arbeitsvorbereitende Tätigkeit für das Reinigen, Glätten und Glanzieren der Haare, die je nach dem Resultat, das erreicht werden soll, dann in Partien oder Strähnen zusammengebunden werden.
Auch Tierhaare kamen zur Verwendung. Besonders in den skandinavischen Ländern war zum Beispiel die Verwendung von Pferdehaaren üblich.


3-reihig geflochtene Uhrkette mit Medaillon aus Double,
verziert mit Glassteinen und handkolorierter Fotografie.
Deutschland, 2. Hälfte 19. Jhdt.


5. Haar zu industriellem Schmuck verarbeitet
Neben dem von eigener Hand oder von Friseuren und Perückenmachern gefertigten Haarschmuck gab es ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Mengen von industriell gefertigten Haarschmuck für den Markt des preiswerten Schmuckes. Für diese Schmuckindustrie gab es einen ausgedehnten Handel mit Haar, der vor allem von den Niederlanden betrieben wurde. Aber auch blondes Haar aus Westfalen war sehr beliebt und die Bauernmädchen verdienten sich mit dem Verkauf ihrer Haare gerne etwas nebenbei. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Haarschmuck getragen, zuletzt allerdings nur noch als Billigschmuck mit Fassungen aus Goldersatz. Die alte Bedeutung war längst verloren gegangen.
Zentren waren neben vielen kleinen Werkstätten im süddeutschen Raum vor allem Pforzheim und Schwäbisch Gmünd. Die Haarflechterei wurde hauptsächlich nur in Heimarbeit ausgeführt. Es waren überwiegend Kinder und Jugendliche, die diese unglaublich diffizilen Kunstwerke aus feinstem Menschenhaar hergestellt haben.
Als Werkzeuge wurden nur einfachste Hilfsmittel benötigt, denn spezielle Gerätschaften, die ausschließlich für Haararbeiten benutzt wurden, gab es nicht. Formen und dergleichen, die ein kompliziertes Fertigungsverfahren erforderten, waren nicht nötig. Einfache Utensilien wie Schere, Zange oder Federmesser und Pinzette reichten für diese diffizile Arbeit aus. Auch einen Rollenstab, ein Brettchen und Stricknadeln verschiedener Größen- und Stärkengrade sowie Klöppelwerkzeug wurden verwendet.
Es steht fest, dass es kaum eine mühevollere Arbeit gegeben haben kann. Sie erforderte zunächst einmal sehr gute Augen, große Fingerfertigkeit und eine enorme Ausdauer. Von der Kreativität und dem Ideenreichtum, die diese "Haar-bosselei" voraussetzte, ganz zu schweigen. Diese mühevolle Arbeit ist trotzdem nur mit Pfenniglöhnen honoriert worden.

Auf einer Gewerbeausstellung in Berlin 1844 wurden "Stickereien und Geflechte aus Menschenhaar“ gezeigt. In der Beschreibung der Ausstellungsstücke von sieben "Haarkünstlern" hieß es: "Es ist ein alter, aus grauer Vorzeit herstammender Brauch, das Haar geliebter lebender und verstorbener Personen aufzubewahren, es in Ringe oder Medaillons in den mannigfachsten Formen zu fassen oder daraus die verschiedenartigsten Gebilde, Sträuße, Kränze, Namenszüge oder bezügliche Örtlichkeiten zu bilden.



6. Haar als dekorative Erinnerung
Abgeschnittene Haare als "pars pro toto" - das Kopfhaar als Sitz der Lebenskraft - wurden kunstvoll arrangiert und das Gebinde als teures Andenken über den Tod hinaus aufbewahrt. Im 19. Jahrhundert war es üblich, Haare abzuschneiden und diese im Medaillon oder als Bild aufzubewahren.
Allerdings, so ist bekannt, wurden niemals dem Toten die Haare abgeschnitten, sondern allenfalls dem Sterbenden. Im Volksglauben war das Haar von Toten ebenfalls abgestorben, das von den Lebenden aber lebte auch nach ihrem Tode weiter.
Diese Haarbilder, die Grabsteine, Kreuz, Herz und Anker unter Zweigen von Trauerweiden, Grabinschriften, Namen und Sterbedaten aufweisen, waren in ganz Nord- und Mitteleuropa sehr verbreitet. Arbeiten aus Haaren wurden auch anlässlich von Verlobung, Hochzeit oder Kindstaufe angefertigt.



Totengedenkbild der Johanna Wiedemann,
Gastgebers-Gattin aus Zaunberg.
Geboren 9. Juli 1855
Gestorben 23. April 1896
Pappe, Papierblumen, Glasflitter und Stoff.
Rahmen aus Papiermaché


7. Technik
Immer wieder fasziniert der Ideenreichtum der Haarkünstlerinnen und Haarkünstler. Die Feinheit der Verarbeitung in Stecknadelkopfgröße, die teilweise Einbeziehung von kleinen Glasperlen, Gold- und Silberdrähten, die Klöppel-, Schlingen-, Schlaufentechnik oder der Hohlschlag bedurften großer Kunstfertigkeit. Zum Formen und Montieren der verschiedenen Arten von Haargebilden wie Schnüre, Monogramme, Namenszüge, Geflechte, Schmuckblumentypen, figurale Formen und dergleichen, die ein kompliziertes und aufwendiges Fertigungsverfahren erforderten, waren nur einfachste Werkzeuge von Nöten.
Man unterscheidet drei verschiedene Arbeitstechniken:
1. Fein geschnittene Haarsträhnen oder feingemahlener Haarstaub als Material für Bilder, die auf Elfenbein oder Pappe oder Vorlagen, die man kaufen konnte, geklebt wurden.

Vorstecknadel mit Monogramm CA in Haarstaubtechnik Deutschland um 1770

2. Haar als glatter oder geflochtener Untergrund für Medaillon-Einlagen oder als Ummantelung einzelner Schmuckteile. Zur Herstellung dieser Objekte bedurfte das Haarmaterial einer speziellen Präparierung. Zunächst wurde es mittels klassischer Hausrezepturen gereinigt, wobei zerdrückte Hafergrütze oder Mehl verwendet wurde. Danach folgte eine Wäsche in Sodalauge zum Entfetten und Auflockern der Haare.

Ohrringe in Hohlschlauchtechnik mit Goldbriessuren,
Deutschland um 1840


Brosche mit Flachflechtarbeit Deutschland um 1840

3. Flach oder massiv geflochtenes, geklöppeltes oder gewebtes Haar für Ketten und Armbänder. Diese Techniken bedurften großer Kunstfertigkeit. Die Schling-, Schlaufen- oder die Klöppeltechnik wurde meist von Frauen in Handarbeitskreisen, Näherinnen, Klosterfrauen, Perückenmachern und Friseuren teilweise in Heimarbeit ausgeführt.
Besonders die Arbeitstechnik Hohlschlag ist interessant. Dabei wird langes Haar zu einem Hohlschlauch geklöppelt. Dieser Hohlschlauch wird mit Holzperlen gefüllt und abgebunden. Dann wird der Kettenrohling in Wasser mit Pottasche gekocht und die Perlen wieder entfernt. Durch das Kochen werden die Haare präpariert und dauerhaft in Form gebracht. Diese Arbeiten wirken durch ihre Fülle besonders dekorativ.

8. Haar als Schmuck
Das Haar, schönste Zierde und feinste Applikation des Menschen, wurde als Schnitthaar zu symbolischen Haarschmuckschöpfungen in den vielfältigsten Haarziertechniken auf das äußerste miniaturisiert, vom Amulett und Talisman bis zur kompletten Schmuckkollektion.
Uhrketten für Herren (die Haare stammten von der Ehefrau oder Verlobten) und Haararmbänder, teilweise mit kostbaren Goldschließen, Goldbroschen mit Haareinlagen, Fingerringe und Halsketten wurden hergestellt. Eine andere Möglichkeit bestand darin, die Haare in Blütenformen in einer schönen Dose aufzubewahren.
Haararmband, flach geflochten,
Schließe mit Muschelkamee, Silber vergoldet.
Rückseitig signiert "Mary W. Chaney"
England um 1850
9. Eigenes Haar als Schmuck
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte das Haar eine große Rolle als Schmuck. Die gefühlsmäßige Bedeutung stand im Vordergrund, in der Zeit der Empfindsamkeit galt eine so persönliche Gabe viel. So sind die meisten dieser frühen Haarschmuckstücke Arbeiten von den eigenen Haaren. Die persönlichen Schmuckstücke haben mehr Gefühlswert als künstlerische Bedeutung und sie wurden gerne mit Hilfe von Friseuren und Perückenmachern von der Spenderin selbst verarbeitet. Dazu gaben Lehrbücher, "Gründliche Anweisung für Frauen alle mögliche Art Haargeflechte nach der jetzigen Mode zu fertigen", wie der Titel eines 1822 in Leipzig erschienenen Bändchens lautete, Hilfestellung.
Meistens wurden die Haare schon den jungen Mädchen abgeschnitten, wenn sie ihre Frisur änderten oder unter die "Haube" kamen. Die Haare wurden dann sorgfältig in Papier eingelegt und aufgehoben. Der Haarschatz war so lange unter Verschluss, bis sich das Fräulein verliebte, verlobte oder verheiratete. Dann bekam ihn der Auserwählte zum Geschenk und hielt ihn in Ehren bis zum Tod. Die Haare waren ein Leben lang Zeichen der gemeinsamen Liebe und Zuneigung.
Auch in Klöstern haben Nonnen sich durch Schmuckarbeiten aus Haaren ein Zubrot verdient. Das Material dafür hatten sie frei Haus, denn beim Eintritt ins Kloster hatten sie ja ihre Haare lassen müssen.


Brosche mit Korallen und Haareinlage,
Deutschland um 1820


Haarring, Geflecht in Ringschiene eingelegt,
mit Monogrammplatte "M R L",
Deutschland um 1850







10. Haar als Trauerschmuck
Nach dem Tod eines lieben Menschen wurde der Öffentlichkeit in vielfältiger Weise die Trauer mitgeteilt. Nicht genug, dass die Witwe des Verstorbenen für den Rest ihres Lebens meist nur noch schwarze Kleidung trug, auch beim Tragen von Schmuck wurde Rücksicht genommen. Neben Jet- oder Gagatschmuck (eine Braunkohlenart, die aus versteinertem Holz entsteht) kam der Haarschmuck als Trauerschmuck sehr in Mode.


11. Memory - Broschen
Nach dem Tode des englischen Prinzgemahls 1861 wurden im viktorianischen England Memory - Broschen getragen.
Sie waren aus Gold; schwarz emailliert und hinter Glas lagen die Haarsträhnen zur Erinnerung an verstorbene Personen in sogenannten Prince-of-Wales-Locken. Königin Victoria selbst pflegte nach dem Tode ihres Gatten Albert diese Sitte.
In England und Frankreich ist solcher Trauerschmuck noch verbreiteter gewesen als hierzulande.

  
Vorder- und Rückseite einer Memory-Brosche.
Die Vorderseite besteht aus schwarzem Email und ist mit kleinen Perlen verziert.
In der Rückseite ist unter Glas ein Haargeflecht eingelegt.
England um 1860
Memory - Brosche aus Goldblech, Email und Perlchenbesatz mit "Prince-of-Wales-Locken"
Auf der Rückseite eingravierte Inschrift:
In memory of Captn. William Meritt
born Aug. 17th. 1829
died Aug. 9th. 1862

Alle gezeigten Bilder sind ein Teil aus der Ausstellung Haarschmuck im Museum am Mühlturm und umfasst 56 Objekte.



Quellennachweis:

Zeitschrift "Volkskunst" Heft 4 / 1978 ein größerer Aufsatz von E. Stille.

Zeitschrift für Waffen- und Kostümkunde, 1981, Irmgard Endres - Mayser, "Aus Menschenhaaren gefertigter Schmuck",

Zeitschrift Sammlerjournal Heft 5, 1984, SJ Heft 4, 1986, SJ Heft 5, 1995

"Schmuck" von Dr. Brigitte Marquardt, Verlag "Kunst & Antiquitäten"

"Das große farbige Antiquitätenhandbuch" von Marita Krauss, Prisma Verlag Gütersloh

"Die Haarflechte - Gründliche Anweisungen für das Flechten und Klöppeln von Haarschmuck. von Emilie Berrin 1822

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